Hier finden Sie uns

Kontakt

Prinzipien der Unterrichtsgestaltung

 

Egal ob für eine Unterrichtsstunde oder eine Unterrichtseinheit – Sie sollten jedes Mal sehr sorgfältig vorgehen und nicht nur bestimmte Prinzipien, sondern auch eine bestimmte Reihenfolge einhalten:

Fachliche Klärung: Wenn die Idee zu einer U-Stunde oder einer U-Einheit steht, beginnen Sie zunächst damit, sich fachlich in das Thema einzuarbeiten. Die gängigen Schulbücher reichen dafür nicht aus. Sie sollten mindestens in eines der gängigen Hochschullehrbücher schauen (z.B. Purves). Wenn Sie in der Lage sein wollen, auf alle Fragen ihrer Schüler eine kompetente Antwort geben zu können, müssen Sie mehr tun. Vielleicht gibt es ja einen geeigneten Basisartikel in „Unterricht Biologie“ oder eine bereits ausgearbeitete Unterrichtsanregung, von der Sie aber nur die Sachinformationen brauchen. Wer richtig tief einsteigen will, liest Beiträge aus Fachzeitschriften, die meist in englischer Sprache verfasst sind. Aber keine Angst: das Wissenschaftsenglisch ist viel einfacher zu lesen als z.B. eine Tageszeitung oder ein Roman.

Häufig wird dieser Abschnitt der Unterrichtsplanung als „Sachanalyse“ bezeichnet. Das trifft es nicht wirklich. Es geht nämlich darum, aus den ermittelten Sachzusammenhängen diejenigen auszuwählen und sich mit diesen verteift zu beschäftigen, die für die geplante Stunde oder Reihe relevant sind. D.h. die sog. Sachanalyse erfolgt bereits mit didaktischem Blick: Was ist wichtig?

Schülervorstellungen: Schüler verfügen zu fast allen Themen, die im Biologieunterricht behandelt werden, über vorunterrichtliche Vorstellungen. Diese Vorstellungen sollten Sie kennen. Warum? Weil sie so hartnäckig sind. Viele Schüler behalten sie auch bei, nachdem sie die wissenschaftlich korrekten Vorstellungen gelernt haben. Sie reproduzieren die gelernten Vorstellungen in der nächsten Klausur, weil das von ihnen erwartet wird. Dann kehren Sie zu ihren Alltagsvorstellungen zurück. Biologie lernen muss daher immer Umlernen sein. Um das in didaktisch sinnvoller Weise zu gestalten, sollten Sie die Alltagsvorstellungen ihrer Schüler kennen und (!) ernst nehmen.

Um eine fundierte Unterrichtsvorbereitung für einen schülerorientierten Unterricht zu ermöglichen, der diesen Namen auch verdient, hat der „Altmeister“ der Biologiedidaktik in einem Lexikon alles zusammengetragen, was inzwischen über die Alltagsvorstellungen von Schülern bekannt ist – von A wie Abstammung bis Z wie Zellteilung. Außerdem werden auch die jeweils fachlich zutreffenden Konzepte erläutert und Ideen vorgestellt, wie mit beidem im Unterricht umgegangen werden kann. Besonders die Unterrichtsideen nehmen im Lexikon einen großen Raum ein und vermittelt sehr anschaulich, wie Alltagvorstellungen als Chancen für fachliches Lernen genutzt werden können.

Kattmann, U. (2015): Schüler besser verstehen. Alltagsvorstellungen im Biologieunterricht. Hallbergmoos: Aulis Verlag; 428 S., zusätzliche Stichwörter zum Download; 24,90 €

Der Unterrichtsablauf wird nun anhand der fachlichen Klärung und der identifizierten Schülervorstellungen strukturiert. Dabei sollten einige wesentliche Prinzipien der Unterrichtsgestaltung berüchsichtigs werden:

Kompetenzorientierung: Das ist heutzutage das Credo eines guten Unterrichts. Nach Franz Weinert sind Kompetenzen „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“ Es geht also im Unterricht nicht mehr nur ums (Auswendig-)Lernen, sondern vor allem um Können und Anwenden. Am einfachtsen lässt sich dieses Prinzip umsetzen, wenn Sie ihre Unterrichtsziele konsequent kompetenzorientiert formulieren:

  • Die Schüler können die beiden Grundschritte die Proteinbiosynthese erläutern.

  • Die Schüler können mithilfe der Code-Sonne eine Aminosäuresequenz in eine mögliche DNA-Sequenz übersetzen.

  • Die Schüler können beurteilen, ob der genetische Fingerabdruck einen Eingriff in Persönlichkeitsrechte darstellt.

Gute Beispiele liefert z.B. der Kernlehrplan Biologie für die Sekundarstufe II Gymnasium/Gesamt­schule Nordrhein-Westfalen von 2013. Wenig hilfreich dagegen ist das neue Kerncurriculum Biologie für die gymnasiale Oberstufe Hessen von 2016. Das kommt in den Präambeltexten zwar schwer kompetenzorientiert daher, aber im hinteren konkreten Teil finden sich die alten Stoffkataloge.

Kontextorientierung: Gute Kontexte sind das Salz in der Suppe. Sie ermöglichen den Schüler einen Alltagsbezug, der ihnen die Verankerung der neuen Lerninhalte erleichtert. Wenn Sie sich Beispiele für gelungene Kontexte ansehen wollen, dann schauen Sie in meine Unterrichtsanregungen, die ich in der Zeitschrift „Unterricht Biologie“ veröffentlicht habe. Meine persönlichen Favoriten sind: DNA verjährt nicht (UB 409), Traumatisierte Gene (UB 400), Trockentoleranter Mais für Afrika (UB 384), Übung macht den Meister (UB 392).

Interessenorientierung: Wenn Sie biologische Unterrichtsthemen stärker in den Interessenhorizont Ihrer Schüler bringen möchten, sollten Sie die Interessen Ihrer Schüler kennen. Sie können Sie z.B. dazu befragen. Desweiteren sollten Sie Ihren Schülern Entscheidungsspielräume und Wahlmöglichkeiten lassen, womit und auf welche Weise sie sich Unterrichtsinhalte erschließen wollen, d.h. sie über die Gestaltung der Lernwege mitentscheiden lassen und ihnen zusätzlich zur vorgeschriebenen vergleichenden Leistungsbeurteilung (Notengebung) regelmäßig inhalts- und kompetenzbezogene individuelle Rückmeldungen geben.

Für Sie selbst bedeutet das, dass Sie die einschränkenden Rahmenbedingungen der eigenen Handlungsspielräume realistisch einschätzen (statt vorauseilendem Gehorsam), eigene Prioritäten gegen unumgängliche Notwendigkeiten abwägen und schließlich pädagogische Entscheidungen im Interesse Ihrer Schüler treffen und diese verantworten. Für die Interessengenese am Wichtigsten ist der Steuerungsspielraum. Schüler entwickeln dann ein „nachhaltiges“ Interesse an einem Gegenstand, wenn sie selbst bestimmen können, wann und wie lange sie sich darauf einlassen und mit welchen Aspekten sie sich in welcher Reihenfolge befassen. Im schulischen Alltag dürften im handlungsorientierten Unterricht die meisten Möglichkeiten stecken, Schülern entsprechende Freiräume zu gewähren.

Schließlich ist ein weiterer Faktor nicht zu unterschätzen: Interesse steckt an! Wenn Schüler sehen, dass auch Sie den Lerninhalt spannend finden oder davon fasziniert sind, kann der „Funke“ auf Ihre Schüler überspringen.

Selbstreguliertes Lernen: Dazu ist im vorherigen Abschnitt schon Wesentliches gesagt worden. Nach PISA 2000 sind „Lernende, die ihr eigenes Lernen regulieren, … in der Lage, sich selbstständig Lernziele zu setzen, dem Inhalt und Ziel angemessene Strategien auszuwählen und sie auch einzusetzen. Ferner halten sie ihre Motivation aufrecht, bewerten die Zielerreichung während und nach Abschluss des Lernprozesses und korrigieren – wenn notwendig – die Lernstrategie.“ Diese Definition geht über das Gewähren von Handlungsspielräumen weit hinaus. Daher sind zwei Aspekte zu berücksichtigen:

  • Sie müssen sowohl den Unterrichtsablauf als auch die Materialen so gestalten, dass sie Ihren Schülern Handlungsspielräume für selbstreguliertes Lernen ermöglichen.

  • Wenn Sie feststellen, dass Ihre Schüler mit den Handlungsspielräumen überfordert sind, sollten Sie ein Training in selbstreguliertem Lernen anbieten (s. Selbstreguliertes Lernen).

Basiskonzepte: Natürlich kommt es bei jedem Thema, das im Unterricht behandelt wird, in erster Linie darauf an, dass die Details und deren Zusammenhänge verstanden werden. Wer meine Beiträge in „Unterricht Biologie“ kennt, weiß wie „detailverliebt“ ich selbst bin. Aber das kann sich auf die Dauer kein Schüler alles behalten. Daher kommt es darauf an, nach einer Einheit immer konsequent deutlich zu machen, worin die Essentials dessen bestehen, was gerade behandelt wurde. Diese Interpretationsarbeit sollte die Lehrperson leisten, z.B. in einem kurzen Lehrervortrag am Ende einer Einheit. Dabei kann die Orientierung an den Basiskonzepten sehr hilfreich sein. Eine sehr gute Hilfestellung sind die Doppelseiten „Biologische Prinzipien“ im Cornelsen-Lehrbuch Biologie Oberstufe, die sich an jedes Großkapitel anschließen.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Wolfgang Ruppert Powered by 1&1